Meine Ausbildung zum Sterbebegleiter, Teil 5: Trauer
Vor Kurzem hatten wir einen Ausbildungstag zum Thema Trauer. Zwei Trauerbegleiterinnen führten uns durch verschiedene Trauermodelle und gaben uns Hinweise, wie man trauernde Menschen unterstützen kann. Hier eine Zusammenfassung und dem, was ich mitgenommen habe.
❧ Trauer ist chaotisch
Es gab schon viele Versuche, Trauer in ein Modell oder Konzept zu fassen, damit wir besser damit umgehen können. Manche sprechen von verschiedenen Phasen, etwa Elisabeth Kübler-Ross mit Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Andere beschreiben Aufgaben, die es zu bewältigen gilt, etwa William Worden mit seinen vier Traueraufgaben: den Verlust als real anerkennen, den Schmerz der Trauer durchleben, sich an eine Welt ohne die verstorbene Person gewöhnen und eine bleibende Verbindung zu ihr finden. Wieder andere beschreiben Trauer eher wie eine Gezeit. Die Wahrheit ist aber: Jede:r trauert auf seine eigene Weise. Diese Modelle können zwar Orientierung geben, aber letztlich bleiben sie nur Versuche, einem zutiefst chaotischen emotionalen Prozess eine Struktur zu geben, für den es keine festen Regeln gibt.
❧ Den Menschen so annehmen, wie er ist
Weil Trauer so chaotisch ist, müssen wir lernen, trauernde Menschen und ihre Gefühle genau so anzunehmen, wie sie sind. Wir sollten ihnen nicht sagen, dass sie jetzt in die nächste Phase übergehen müssten. Manche Expert:innen raten sogar dazu, gar keine Ratschläge zu geben, sondern höchstens Informationen, und auch nur, wenn danach gefragt wird.
❧ Trauer ist harte Arbeit
Die emotionalen und körperlichen Symptome von Trauer können extrem belastend sein. Trauer ist wirklich harte Arbeit, und sie ist erschöpfend. Das sollten wir im Hinterkopf behalten und trauernden Menschen mit Sanftheit begegnen, ihnen das Leben so leicht wie möglich machen, statt sie zusätzlich unter Druck zu setzen.
❧ Trauer lässt sich nicht heilen
Man kann für einen trauernden Menschen da sein, aber man kann seine Trauer nicht reparieren. Es ist nicht unsere Aufgabe, jemanden besser fühlen zu lassen, aber es kann helfen, wenn wir bereit sind, den Schmerz gemeinsam auszuhalten.
❧ Es ist nicht deine Trauer
Die Trauer eines anderen Menschen ist nicht die eigene. Bleib einfühlsam, aber achte dabei auch auf dich selbst.
❧ Trauer ist unsichtbar geworden
Es gab einen Grund, warum Witwen in vielen Teilen der Welt früher ein ganzes Jahr lang Schwarz trugen. Jede:r wusste sofort: Diese Frau trauert, und konnte entsprechend reagieren oder Respekt zeigen. Diese Tradition ist heute fast verschwunden, und Trauer ist weitgehend unsichtbar geworden. Oft wissen wir gar nicht, ob die Person neben uns gerade in diesem Moment eine schwere Trauer mit sich trägt.
Der Regenbogen im Bild unten steht für die letzte der vier "Gezeiten" im Trauermodell von Ruthmarijke Smeding. Er symbolisiert den Moment, in dem der Verlust eines geliebten Menschen (der Regen) auf die eigene Zukunft (die Sonne) trifft. Der Verlust ist akzeptiert, und gleichzeitig ist eine neue Art von Beziehung zu der verstorbenen Person entstanden, eine, die es der trauernden Person erlaubt, weiterzuleben. Wenn Vergangenheit und Zukunft so zusammenfinden, kann daraus etwas Schönes entstehen.

