Meine Ausbildung zum Sterbebegleiter, Teil 6: Der Besuch

Vor Kurzem hatte ich meinen ersten Besuch bei einem Sterbenden, der emotionale und psychologische Unterstützung am Lebensende erhält. Ich habe dabei eine unserer Hospizkoordinatorinnen begleitet. Nervös war ich nicht, schließlich musste ich ja nur zuhören, während sie sich mit dem Klienten und seiner Frau unterhielt.

Naja, sagen wir mal so: Es kam ganz anders als erwartet. Denn ich erhielt eine demütigende Lektion darüber, wie schnell einen etwas völlig Unerwartetes aus der Bahn werfen kann, egal wie vorbereitet man sich fühlt.

Es begann bereits, als ich die Wohnung betrat. Ich fühlte mich sofort an meine bereits vestorbenen Großeltern und ihre Wohnung in Paris erinnert. Dieses Gefühl wurde noch stärker, als ich einen Kreuzstich von "Das lesende Mädchen" von Jean-Honoré Fragonard an der Wand entdeckte. Das gleiche Werk, das auch meine Großeltern im Wohnzimmer hängen hatten. Ich konnte es kaum glauben, was für ein Zufall das war.

Es fiel mir zunehmend schwerer, dem Gespräch zwischen der Koordinatorin und dem Klienten zu folgen, während meine Gedanken immer wieder zu meiner Kindheit und meinen Großeltern abschweiften. Es kamen unerwartet viele Gefühle hoch. Und gerade, als ich dachte, ich hätte mich wieder gefangen, passierte etwas, das mich völlig überrumpelte. Irgendwann sagte die Frau, sie müsse sich ein Glas Wasser aus der Küche holen. Ich bot ihr mein eigenes, noch unberührtes Glas an, damit sie nicht aufstehen musste, was ihr sichtlich schwerfiel. Sie lehnte natürlich ab, und im Vorbeigehen berührte sie kurz meine Schulter, sah mir in die Augen und sagte mit dieser warmen, sanften Stimme, wie sie nur Großmütter haben: "Ach nein, trink du ruhig dein Wasser. Es ist wichtig, dass du genug trinkst, weißt du."

Und das war's. Was auch immer ich mir zuvor an professioneller Haltung aufgebaut hatte, war in diesem Moment verflogen, und kam auch nicht mehr zurück. Plötzlich empfand ich eine überwältigende Wärme dieser Frau gegenüber und fühlte mich wie ihr Enkelsohn. So viel zu professioneller Distanz und dem Vorsatz, die eigenen Gefühle nicht auf andere zu projizieren. Und das alles, während direkt neben mir das eigentliche Gespräch mit dem Klienten weiterlief.

Dieser erste Besuch verlief also nicht ganz wie erwartet. Aber am Ende kann einen nichts wirklich davor schützen, emotional involviert zu werden, und vielleicht ist das gar nichts Schlechtes. Wichtig ist, sich bewusst zu machen, was in einem selbst gerade passiert, und wie es einen selbst und die Beziehung zum Gegenüber beeinflusst. Ich denke noch oft an dieses liebenswerte Paar, das ich vermutlich nie wiedersehen werde. Aber ich weiß, dass es gut versorgt ist.

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