Meine Ausbildung zum Sterbebegleiter, Teil 14: Ein Tag im Hospiz

Im Rahmen unserer Ausbildung durfte ich einen ganzen Tag im Hospiz verbringen, denn viele der Menschen, die ich zu Hause begleiten werde, werden irgendwann danach fragen, falls sie selbst einmal dorthin möchten oder müssen.

Ich freute mich darauf, hatte aber auch ein wenig Sorge, von der Erfahrung überwältigt zu werden. Ich durfte Kristina begleiten, eine wunderbare Frau, die sich schon seit Längerem im Hospiz engagiert und die ich heute eine liebe Freundin nennen darf. Sie war ein echtes Geschenk: Sie sorgte nicht nur dafür, dass ich bei jedem Besuch dabei sein konnte, sondern nahm sich auch Zeit, mir von ihren Erfahrungen zu erzählen und meine vielen Fragen geduldig zu beantworten.

Ein Hospiz bietet weit mehr Komfort als ein gewöhnliches Krankenhaus. Ein Koch bereitet jeden Tag frische Mahlzeiten zu. Es gibt einen Wellnessraum mit einer High-Tech-Badewanne für Patient:innen, die sich nicht mehr selbst bewegen können. Und es gibt eine wunderschöne Dachterrasse, ein Ort, an dem schon viele letzte Sonnenauf- und -untergänge beobachtet wurden. Jede:r Patient:in darf so lange schlafen, wie sie oder er möchte, es gibt keine festen Duschzeiten wie im Krankenhaus, was den Menschen deutlich mehr Selbstbestimmung lässt.

Manche kommen erst ganz am Ende ihres Lebens ins Hospiz und bleiben nur wenige Tage. Andere sind noch relativ fit und bleiben monatelang. Manche können sogar für einige Zeit wieder nach Hause zurückkehren. Die Pflege im Hospiz kann wahre Wunder bewirken.

Nicht jede:r im Hospiz weiß genau, wo sie oder er sich eigentlich befindet, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche glauben, in einem gewöhnlichen Krankenhaus zu sein, andere geben dem Ort gar kein Etikett. Welche Geschichte sich jemand auch über den eigenen Aufenthalt zurechtgelegt hat, es ist nicht unsere Aufgabe, sie zu korrigieren, es sei denn, wir werden ausdrücklich danach gefragt. Man belügt niemanden im Hospiz, aber man respektiert die Wahrheit, in der ein Mensch gerade lebt.

Ich hatte das Glück, an diesem Tag in einige Zimmer eingeladen zu werden und noch weitere Patient:innen auf der Dachterrasse kennenzulernen. Jede Begegnung war zugleich schön und herzzerreißend. Manche brachten lange, tiefe Gespräche mit sich, andere nur ein paar freundliche Worte, wieder andere gar keine Worte, nur gemeinsame Präsenz, durch Blickkontakt und Berührung.

Ein Patient hatte einen Stoffaffen bei sich im Bett. Er erzählte uns, das sei ein Geschenk seiner erwachsenen Tochter: ihr liebstes Kuscheltier aus Kindertagen, das sie ihrem Vater zurückgab, um ihm in seinen letzten Tagen Trost zu spenden. Mir fehlen die Worte, um das Ausmaß der Gefühle zu beschreiben, das in diesem Moment in diesem Zimmer spürbar war. Es war einer dieser Momente, die einen daran erinnern, worum es im Leben eigentlich geht. Es gab keine Fragen mehr zu stellen. Keine Worte mehr nötig.

Eine Woche nach meinem Besuch im Hospiz sah ich auf der Straße fast genau denselben Stoffaffen liegen, dort zurückgelassen von jemandem, als Geschenk für alle, die ihn brauchen könnten. Allerdings nicht in Berlin sondern in meiner Heimatstadt Salzburg. Ich konnte den Zufalls kaum glauben und musste schmunzeln: der Humor des Lebens.

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