Meine Ausbildung zum Sterbebegleiter, Teil 12: Das Außergewöhnliche
Vor Kurzem hatten wir wieder ein gemeinsames Wochenende, diesmal ging es um jene Momente im Leben, für die man kaum Worte findet, Momente und Erfahrungen, die sich nicht allein mit Logik erklären lassen, bei denen man das Gefühl hat, da sei etwas Magisches im Spiel, etwas außerhalb dieser Welt, oder vielleicht einfach ein schöner Zufall.
Das Hospiz, mit dem ich jetzt zusammenarbeite, ist keiner bestimmten Religion oder spirituellen Praxis verpflichtet. Genau so wollte ich es auch, aber umso neugieriger war ich, wie ein solches Hospiz die Lücke zwischen unserer materiellen Welt und dem großen Rätsel von Leben und Tod überbrückt. Schnell wurde mir klar: Das bedeutet nicht, dass Religion, Glaube oder Spiritualität keinen Platz hätten. Ganz im Gegenteil. Entscheidend ist, was der sterbende Mensch will und braucht, nicht das, was wir mitbringen. Ein sterbender Mensch braucht keine Erlösung und keine Erleuchtung in letzter Minute, jedenfalls nicht von uns.
Übers Wochenende wurden wir durch mehrere Übungen der Selbsterkundung geführt, ermutigt, neugierig zu bleiben, und eingeladen, tiefer in die eigene Rückverbindung und Reflexion einzutauchen.
Unten seht ihr ein Bild, das ich während einer dieser Übungen gemalt habe. Wir sollten einen kreativen Weg finden, um einen dieser magischen Momente auszudrücken, für die uns die Worte fehlten. Ich habe mich für eine Erfahrung aus einem veränderten Bewusstseinszustand entschieden. Das Papier ist so gefaltet, dass die obere Hälfte über der unteren liegt, wie ein grauer Schleier, der sie verdeckt. Nur durch einen kleinen Ausschnitt lässt sich ein winziger Teil dessen erahnen, was darunter liegt. Faltet man das Papier auf und entfernt den grauen Schleier, zeigt sich: Auf der unteren Hälfte ist weit mehr zu sehen, als der Ausschnitt je verraten hat. Die verschiedenen Farben stehen für unterschiedliche Gefühle, die roten Linien für verschiedene Geschichten, die ich über mich selbst und die Welt um mich herum erzähle. Mit dem grauen Schleier steht das Bild für meinen gewöhnlichen Bewusstseinszustand, in dem mir nur ein winziger Bruchteil all der Informationen und Gefühle bewusst ist, die in meinem Körper gespeichert sind, dazu ein paar bruchstückhafte Geschichten über mich und die Welt. Ohne den Schleier zeigt das vollständige Bild meinen veränderten Bewusstseinszustand, in dem mir weit mehr zugänglich war, und in dem ich verstand, dass diese Geschichten nicht getrennt voneinander existieren, sondern miteinander verbunden sind.
Es war ein schöner Moment, mich wieder mit etwas zutiefst Bedeutsamem in meinem Leben zu verbinden, und den ebenso berührenden Geschichten meiner Kolleg*innen zuzuhören.

