Meine Ausbildung zum Sterbebegleiter, Teil 10: Ethik
Vor Kurzem ging es bei uns um Ethik in der Hospizarbeit, und darum, wie schnell unterschiedliche ethische Prinzipien miteinander in Konflikt geraten können. Hier, was ich mitgenommen habe.
❧ Es gibt nicht nur einen Zugang zur Ethik
Utilitarist:innen fragen nach dem größtmöglichen Nutzen, also möglichst viel Gutes zu bewirken, während Deontolog:innen fragen, ob etwas einfach das "Richtige" ist, unabhängig vom Ergebnis.
❧ Die Hospizarbeit stützt sich auf vier ethische Grundprinzipien:
1. Die Autonomie des Patienten respektieren.
2. Für den Patienten sorgen und in seinem besten Interesse handeln.
3. Keinen Schaden zufügen.
4. Gerechte Entscheidungen treffen (auch im Sinne sozialer und verteilender Gerechtigkeit).
❧ Diese Prinzipien geraten oft aneinander
Ein Beispiel: Ein Mensch mit starken Schmerzen möchte sterben. Die Schmerzlinderung fällt unter das Prinzip der Fürsorge, der Wunsch zu sterben unter das der Autonomie. Doch diesem Wunsch nachzukommen, könnte dem Prinzip "keinen Schaden zufügen" widersprechen, ebenso wie dem Prinzip gerechter Entscheidungen, das auch bedeutet, geltendes Recht zu respektieren.
❧ Es gibt einen Unterschied zwischen einem ethischen Konflikt und einem ethischen Dilemma
Ein Dilemma liegt vor, wenn es keine gute Lösung gibt: Das Richtige in die eine Richtung zu tun bedeutet zwangsläufig, das Richtige in eine andere Richtung nicht zu tun. Leider ist die Hospizarbeit voll von solchen Dilemmata.
❧ Ein häufiges Beispiel: Wer bekommt das nächste freie Bett?
Die Person, die dem Tod am nächsten ist? Oder die, die die Unterstützung am dringendsten braucht, auch wenn sie vielleicht noch ein weiteres Jahr leben könnte? Eine klare Antwort gibt es dafür selten.
❧ Viele dieser Entscheidungen landen direkt beim Hospizteam
Externe Instanzen können hier oft nicht weiterhelfen oder sind schlicht nicht die richtige Adresse. Umso wichtiger ist ein klarer, transparenter Entscheidungsprozess, den das gesamte Team gemeinsam trägt.
❧ Rückblickend ist es einfach, klüger zu sein
Weil es oft keine eindeutig "richtige" Entscheidung gibt und sich der Zustand eines Patienten dramatisch und unvorhersehbar verändern kann, stellt sich eine im Moment sinnvolle Entscheidung im Nachhinein manchmal als die falsche heraus. Das kann für das Hospizteam eine schwere Last sein. Wichtig ist, sich daran zu erinnern: Eine Entscheidung sollte an dem gemessen werden, was in diesem Moment bekannt war, nicht an dem, was sich erst später herausstellt.
Entscheidungen für Menschen am Lebensende zu treffen, ist ungeheuer schwer. Man gerät leicht zwischen die Gefühle, Werte und Wünsche des Patienten, seiner Familie, der Gesellschaft und den eigenen. Ich finde es wichtig, sich bewusst zu machen, unter welch enormem emotionalen und psychischen Druck diese Menschen stehen, und mit Nachsicht und Freundlichkeit zu reagieren, wenn etwas nicht so läuft wie erhofft.

