Meine Ausbildung zum Sterbebegleiter, Teil 8: Emotionen und das Familiensystem
Vor Kurzem hatten wir wieder einen ganzen Ausbildungstag im Hospiz, diesmal zu zwei Themen: Emotionen und das Familiensystem rund um einen sterbenden Menschen.
Zum ersten Mal seit Beginn des Programms lag eine gewisse Anspannung im Raum. Zumindest für mich, und ein paar andere, fühlte sich die Vormittagseinheit zum Thema Gefühle nicht wie ein wirklich sicherer Ort an, um sich zu öffnen. Im Nachhinein war es eine wichtige Lektion darüber, wie sehr die Energie, die man selbst in einen Raum bringt, darüber entscheidet, ob sich andere trauen, sich zu öffnen. Je weiter die Ausbildung fortschreitet, desto klarer wird mir: Diese Arbeit hat viel mehr mit einem selbst zu tun als mit dem sterbenden Menschen. Es braucht echte Anstrengung und Aufmerksamkeit, die eigene innere Balance zu halten, damit man überhaupt für jemand anderen da sein kann.
Ein paar Dinge, die ich aus dieser Einheit mitgenommen habe:
❧ Es gibt viele Emotionen
Es gibt unterschiedliche Modelle, die meisten unterscheiden zwischen primären und sekundären Gefühlen. Es hilft, sich mit der ganzen Bandbreite möglicher Gefühle vertraut zu machen, damit man sie leichter erkennt und benennen kann, bei sich selbst wie bei anderen.
❧ Emotionen in Worte fassen hilft
Es kann helfen, die Gefühle, die man bei einem sterbenden Menschen wahrnimmt, laut auszusprechen, gerade bei älteren Menschen, die es nicht gewohnt sind, über Gefühle zu sprechen oder sie überhaupt zu benennen. Mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl kann das dabei helfen der zu Person zu zeigen, dass es ist völlig in Ordnung ist, zu fühlen, was man fühlt, und auch offen darüber zu sprechen.
❧ Nonverbale Signale sind schwer zu deuten
Wenn ein sterbender Mensch eine Hand wegschiebt, heißt das nicht automatisch, dass er einen zurückweist. Meistens hat es mit dem eigenen Loslassen zu tun, das dieser Mensch gerade durchlebt, ein notwendiger Schritt, um gehen zu können. Das kommt recht häufig vor, kann für Angehörige aber verletzend wirken, wenn sie nicht verstehen, was dahintersteckt.
❧ Nicht nach dem "Warum" fragen
Im Gespräch mit Menschen mit Demenz sollte man Fragen, die mit "Warum" beginnen, besser vermeiden. Sie führen eher zu Verwirrung als zu Klarheit.
❧ Das Familiensystem nicht reparieren wollen
Jede Familie rund um einen sterbenden Menschen hat ihre eigene Logik und funktioniert auf ihre eigene Art. Wenn man in dieses System hineintritt, sollte man mit vorschnellen Urteilen über einzelne Familienmitglieder vorsichtig sein. Es ist nicht die eigene Aufgabe, zu vermitteln oder ein System zu reparieren, nur weil es einem selbst nicht funktional erscheint.
❧ Nicht versuchen, die Lücke zu füllen
Gleichzeitig sollte man aufpassen, dass die Familie einen nicht in die Rolle des sterbenden Menschen drängt. Wenn diese Person immer weniger in der Lage ist, ihre gewohnte Rolle auszufüllen, entsteht im Familiensystem eine Lücke, die gefüllt werden muss – aber nicht von einem selbst.
Das Rad der Emotionen von Robert Plutchik

